Caspar Frantz
Gut 60 Zuhörerinnen und Zuhörer waren ins Bernstorff-Forum gekommen, um den Pianisten Caspar Frantz mit einem Soloprogramm zu erleben, das Werke von Johann Sebastian Bach, Leoš Janáček und Franz Schubert miteinander verband. Drei sehr unterschiedliche musikalische Welten trafen hier aufeinander – und boten zugleich Gelegenheit, eine der hervorstechendsten Qualitäten dieses Pianisten zu erleben: seine außergewöhnliche Gestaltungskraft.
Frantz versteht es, musikalische Gedanken mit großer Klarheit zu formen und ihnen eine geradezu greifbare Gestalt zu geben. Statt hauptsächlich auf dynamische und klangfarbliche Mittel zu setzen, war hier ein deutlicher Schwerpunkt auf Rhythmus und Phrasierung herauszuhören. So entstehen aus der Struktur der Musik heraus Spannung, Bewegung und Ausdruck – ein Ansatz, der die Werke des Abends in besonders eindringlicher Weise zum Sprechen brachte.
Bereits in der Französischen Suite c-Moll BWV 813 von Bach gewann diese Haltung große Überzeugungskraft. Mit wachem Sinn für die rhythmische Architektur legte Frantz die feinen Verzahnungen der Stimmen offen; immer wieder schien es, als überlagerten sich unterschiedliche metrische Ebenen. Gerade dadurch erhielt die Suite eine bemerkenswerte Vitalität und innere Spannung.
Es folgte der Zyklus „Auf verwachsenem Pfade – I“ von Janáček, eine Folge von zehn höchst unterschiedlichen Miniaturen. Zu Beginn glaubte man noch einen Hauch romantischer Klangwelt – fast etwas Schumann – zu vernehmen; doch zunehmend wendet sich der Komponist zu einer eigenständigeren, moderneren Tonsprache. Zwischen sprudelnder Lebendigkeit und versunkener Innerlichkeit entfaltet sich eine erstaunlich breite Ausdruckspalette. Besonders eindrucksvoll war zu erleben, wie Frantz diese oft aus wenigen Motiven gebildeten Charakterstücke zu eigenem Leben erweckte und dabei stets den größeren Zusammenhang des Zyklus spürbar machte.
Nach der Pause stand mit der Sonate Nr. 16 a-Moll D 845 ein großes Werk Schuberts auf dem Programm. Dass dieser Komponist, zu Lebzeiten eher im Schatten des übermächtigen Beethoven, zu den bedeutendsten Schöpfern der Klavierliteratur gehört, wird in einer solchen Live-Darbietung unmittelbar erfahrbar. Mit scheinbar elementaren Mitteln (ähnlich wie in seinem Liedschaffen) fasst Schubert seine musikalischen Gedanken und entwickelt daraus die große Form. Wie spannend dieser Prozess sein kann, wenn er in den Händen eines konzentrierten und zugleich kraftvollen Gestalters liegt, zeigte Frantz in beeindruckender Weise. Die verschiedenen Motive der Sonate traten wie vertraute Figuren auf, die immer wieder neu miteinander in Beziehung gesetzt werden. Gleichzeitig verlangte das Werk dem Interpreten einen langen Atem und enorme Energie ab – nicht ohne Grund sprach Frantz selbst von einem „Mount Everest“ der Klaviermusik.
So wurde dieser Konzertabend zu einer eindringlichen Begegnung mit der Musik Schuberts – und zu einer Demonstration der interpretatorischen Kraft von Caspar Frantz. Abschalten war während dieser Darbietung kaum möglich; am Ende dankte das Publikum dem Künstler mit langanhaltendem, herzlichem Applaus.